INGER FRIMANSSON
 

Unter Mördern und Elchen. Neues aus Schweden von Mankell bis Edwardson. Herausgegeben von Holger Wolandt, Piper München Zürich (2003).

Denken Sie bei Schweden an rote Holzhäuschen und helle Birkenwäldchen, an idyllische Seen und an Elche? Oder fallen Ihnen als ersters die dunklen Geheimnisse, die mysteriösen Mörder und melancholischen Polizisten ein? In Schweden laden die langen Winter und die hellen Sommertage, wenn die Sonne nicht untergeht, gleichermassen zum Erzählen ein. Dass das langgestreckte Land im Norden Europas eine ganze eigene literarische Tradition hat, zeigen diese Geschichten. Die Novelle geschrieben von Inger Frimansson in diesem Buch heisst: Angelwetter.

Angelwetter

Die Unruhe überfiel sie in dem Moment, als sie in den Waldweg einbogen. Es war so dunkel. Sie hatte lange keine Fichten geschen. Dass sie so hoch und so dicht waren! Sie musste an den bekannten Song von Ulf Lundell denken, "Am wohlsten fähl ich mich in offener Landschaft". Wahrscheinlich hatte sie sich die Umgebung hier etwas lieblicher vorgestellt. Wiesen mit Butterblumen und Klee. Das Läuten einer entfernten Kuhglocke. Etwas freundlicher, etwas typischer schwedisch, nicht so düster und bewaldet wie hier. Lilian legte die Karte auf den Schoss und schielte zu Torbjörn hinüber.

"Sind wir hier wirklich richtig, was meinst du?" fragte sie tonlos.

"Ja, natürlich. Wir sind genau der Wegbeschreibung gefolgt."

Der kleine Weg war sandig und schmal. Hier und da ragten knorrige Wurzeln aus dem Boden, und Torbjörn musste in den ersten Gang schalten.

Die Anzeige hatte in einer Zeitung gestanden, die Torbjörn im Büro gefunden hatte.

"Wie findest du das hier?" hatte er erwartungsvoll gefragt. "Gemütliches Haus auf dem Land wochenweise oder f. den ganzen Sommer zu vermieten." Sie starrte auf dieses "f". Warum hatten sie ausgerechnet ein solches Wort abgekürzt?

"Wo liegt es denn?" fragte sie.

"In Västergötland. In einer Gegend, die sich Hökensås nennt."

Plötzlich endete der Weg. Und dann sahen sie das Haus. Es war rot und hatte zwei Stockwerke. Hinter den Bäumen konnte man das Wasser sehen. Der Besitzer des Hauses hatte von einern See gesprochen. Es sei kein richtiger Badesee, dazu sei er zu schwarz und zu schlammig. Doch er sei schön anzusehen.

Torbjörn leinte sich zu ihr herüber und küsste sie leicht auf die Nasenspitze.

"Das wird perfekt, meinst du nicht, Lilian? Hier werden wir ganz för uns sein."

Nachdem sie ihre Sachen hineingetragen hatten, fühlte sie sich ein wenig besser. Sie machte einen kurzen Spaziergang und pflückte einen Strauss Blaubeerreisig. Der Abend war still. Die Schwalben schossen mit lauten Schreien über die Wasseroberfläche.

Das Gefähl der Unruhe verschwand langsam. Etwas später warfen sie den Grill an. Sie hatten in Karlsborg Halt gemacht und Kassler und neue Kartoffeln gekauft. Lilian hatte in einer Illustrierten einige gute Grillrezepte gefunden und sie im Hinblick auf die Ferien ausgeschnitten.

Sie deckte den Gartentisch. Als sie sich hingesetzt hatten, sahen sie ein, dass es zu viele Mücken gab.

"Der See zieht die Mücken an. Sie legen dort ihre Larven ab ", erklärte Torbjörn. Er hatte manchmal etwas Oberlehrerhaftes, als sei sie ein Kind, dem man etwas beibringen musste.

Sie zogen nach drinnen um. Der Kassler war an den Rändern verbrannt, schmeckte aber dennoch gut. Sie tranken eine Flasche Roséwein. "Hoffentlich ist das Wetter morgen schön", sagte sie, "damit wir uns sonnen können. Ich bin ja leichenblass. "

Es war das zweite Jahr ihrer Ehe. Mit Kindern würden sie noch warten, da waren sie sich einig. Erst wollten sie sich einander widmen. Dann in der Elternschaft aufgehen. Sie hatten zu viele Beispiele gesehen, wie kleine Kinder die Beziehung strapazierten. Manche in ihrem Freundeskreis hatten sich sogar schon scheiden lassen und steckten jetzt tief in Sorgerechtsstreitigkeiten.

Es war halb elf, als sie ins Bett gingen. Ein Rollo gab es nicht, und so war es eigentlich ein wenig zu hell im Zimmer. Aber Lilian störte das nicht, sie war müde von der Reise und schlief fast augenblicklich ein.

Sie erwachte von einem Geräusch. Zuerst wusste sie nich ob sie träumte, denn sie hatte einen wilden und schrecklichen Traum gehabt, in dem sie von etwas Bedrohlichem verfolgt wurde. Mucksmäuschenstill lag sie im Bett. Erstaunlicherweise erinnerte sie sich sofort daran, dass sie im Sommerhaus war. Torbjörn lag neben ihr im Doppelbett. Er schlief, sie hörte seine ruhigen Atemzöge.

Es musste der Traum gewesen sein. Doch dann war das Geräusch plötzlich wieder da. Es kam von unten von der Eingangstür. Ihr Herz begann laut zu pochen.

"Torbjörn!" flüsterte sie. Er grummelte etwas und fuhr dann hoch. "Da unten ist jemand! Hör mal. "

Jetzt hörten sie es beide. Deutliche harte Schläge an die Tür, und dann rüttelte jemand an der Türklinke. Lillan kletterte aus dem Bett. Sie traten auf den oberen Treppenabsatz. Dort konnte man das Geräusch noch deutlicher hören.

"Wir kümmern uns nicht darum", zischte Lilian, "und tun einfach so, als wären wir nicht da. "

"Das geht nicht, die sehen doch das Auto!" Seine Stimme klang angespannt und unfreundlich. Das sah ihm gar nicht ähnlich.

Sie schlichen die Treppe hinunter. Das Licht von draussen war nicht mehr so hell, die Nacht hatte inzwischen die Oberhand gewonnen. Sie schätzte, dass es ungefähr halb zwei sein musste. Bald würde die Morgendämmerung mit dem ersten Vogelgesang kommen. Stark und intensiv dachte sie an die Vögel und daran, wie sie wohl in den bemoosten Apfelbäumen wohnten. Sie würde morgen Nester finden, mit kleinen Eiern und Jungen darin. Sie wollte sie nicht stören, sondern nur zusehen, was sie taten. Sie könnte einen Liegestuhl in das dichte Grün stellen und dort ganz still sitzen. Dann würde sie sie beobachten, sehen, wie sie mit einer Larve im Schnabel angeflogen kamen, sich auf einem Ast niederliessen und sich nach allen Richtungen umsahen, ehe sie zu ihrem Nest abtauchten.

Mittlerweile waren sie an der Tür angekommen. Sie vernahmen ein Kratzen und Scharren. Und es klang, als würde jemand weinen. Torbjörn sah sie an. Dann öffnete er die Tür.

Es war eine Frau. Sie fiel der Länge nach auf den Fugboden, als die Tür aufging, kam aber gleich wieder auf die Füsse.

"Macht zu! " flüsterte sie. "Schnell, macht zu und schilesst ab."

Torbjörn tat, was sie sagte. Die Frau schlich sich vornüber gebeugt ins Wohnzimmer. Sie war in ihrem Alter, blond, nicht besonders gross und hatte feingeschnittene Gesichtszüge. Um den Mund herum war die Haut geschwollen, und es waren Blutspuren zu sehen. Sie kauerte sich auf dem Sofa zusammen und sass zitternd da.

"Was ist denn passiert?" fragte Torbjörn.

Die fremde Frau schniefte. Sie schlug die Hände vors Gesicht und wollte sie nicht anschauen.

"Du musst versuchen, es uns zu erzählen", sagte Lilian freundlich. "Wir sehen ja, dass irgend etwas passiert ist, aber du musst es uns erzählen, damit wir dir helfen können."

Ihr Weinen wurde immer stärker, und sie bekamen kein vernünftiges Wort mehr aus ihr heraus. Lillan kochte eine Kanne Tee. Sie stellte Tassen auf den Küchentisch, und dann sassen sie dort zu dritt, während die ersten Sonnenstrahlen langsam hereinschlichen und die Wände aufhellten.

Die Frau hiess Anna. Sie war auf der Flucht vor ihrem Mann. Sie hatten eine Hütte im Feriendorf am Naturschutzgebiet Hökensås gemietet. Der Mannn war ein begeisterter Angler.

" Aber er ist eifersüchtig", flüsterte sie.

Es hatte am Abend angefangen. Göran, so hiess der Mann, war draussen gewesen und hatte den ganzen Tag geangelt. Anna war in der Hütte geblieben, denn sie fühlte sich nicht richtig wohl. Als er nach Hause kam, hatte er schlechte Laune gehabt. Das Anglerglück war ihm nicht gerade hold gewesen.

"Ich habe Spaghetti mit Hackfleischsosse gekocht, das mager gern, und dann sassen wir vor der Hütte und wollten gerade anfangen zu essen, als ein Nachbar vorbeikam. Ich hatte etwas früher am Tag schon mit ihm gesprochen. Er heisst Martin. Er hat mir irgend etwas zugerufen. Hallo, Anna!

oder so. Das reichte schon aus. "

Göran hatte sich eingebildet, Martin und Anna hätten etwas miteinander, und Anna wäre deswegen zu Hause geblieben. Er zog sie ins Haus und begann sie zu schlagen. Das war nicht das erste Mal. Am Ende hatte sie es geschafft, die Tür aufzumachen und wegzulaufen.

" Wie furchtbar! " sagte Lilian. " Er misshandelt dich also? "

Anna nickte. Sie führte die Teetasse zum Mund, und ihre Hände zitterten.

"Bei so einem Mann würde ich niemals bleiben", fuhr Lilian fort.

"Das ist für einen Augenstehenden leicht gesagt. Er ist so nett, wenn er gute Laune hat, so sanft und aufmerksam. Und er bereut es immer und sagt, dass es nie wieder passieren wird. Aber jetzt kann ich nicht mehr. "

" Du musst zur Polizei gehen. "

"Ja. Diesmal werde ich es tun. "

Sie machten ihr ein Bett auf dem Sofa, und Lilian lieb ihr ein Nachthemd. Keiner von ihnen schlief in den verbleibenden Stunden der Nacht.

Als Lilian aufstand, merkte sie, dass Anna nicht mehr auf dem Sofa lag. Die Decke und das Nachthemd hatte sie ordentlich zusammengefaltet.

Sie ist gegangen, dachte Lilian. Doch als sie in die Küche hinunter kam, stand Anna am Herd und kochte Teewasser.

"Ihr wart so nett zu mir", murmelte sie.

Lilian sah, dass ihr Wangen feucht waren.

"Ich wollte euch mit dem Frühstück überraschen. Dann verschwinde ich. " "Wohin willst du? " " Das weiss ich noch nicht. "

Anna weinte jetzt lauter, sie konnte die Tränen nicht länger zuräckhalten.

"Das Schlimmste ist, dass ... "

"Was denn? "

"Ich habe nicht so viele Leute, zu denen ich gehen kann.

Nach Hause natürlich und zu meiner Freundin in Norrtälje.

Aber das weiss Göran genau, und da wird er mich finden. Wohin ich auch fahre, wird er mich finden."

" Und die Polizei? "

"Ach, die machen doch nichts. Die haben keine Möglichkeiten. Er wird nur noch wütender werden, wenn er erfährt, dass ich bei der Polizei war. Also muss ich mich verstecken. "

"Du kannst ruhig noch ein paar Tage bei uns bleiben", schlug Lilian vor. "Hier?"

"Ja, hier besteht keine Gefahr, dass er dich sofort findet. Hökensås ist doch recht gross. "

Die Frau starrte sie an. Obwohl sie soviel geweint hatte, war sie nicht hässlich. Im Gegenteil, die Tränen schienen ihre Augen geklärt zu haben, sie waren jetzt hellblau und beinahe leuchtend.

" Aber ich habe mein Geld nicht dabei ... Nichts ... "

"Mach dir keine Sorgen. Das nächste Mal ist es einer von uns, der Hilfe braucht. "

" Du bist so nett! "

Anna umarmte Lilian herzlich. Sie roch nach "Femme", demselben Parfüm, das auch Lilian benutzte.

Der Tag wurde sonnig. Sie trugen die Liegestühle ins feuchte Gras hinaus. Es fiel Anna schwer, sich zu entspannen. Die ganze Zeit ging sie im Garten herum und sah den Weg hinunter.

" Wie sieht er denn aus, der Typ, mit dem du verheiratet bist?" fragte Torbjörn.

"Ziemlich gross und mit Stoppelhaaren. Er hat sich Anna, ich liebe dich! auf den Arm tätowieren lassen. Damals, als wir uns verlobt haben."

"Wenn er kommt, dann stürzen wir uns auf ihn und schlagen ihn zusammen!" meinte Torbjörn. "Schliesslich sind wir drei gegen einen." Anna lachte, aber ihre Augen waren ernst.

Nach dem Mittagessen kam sie zu ihnen und sah eifrig aus.

"Kommnt und seht, was ich gefunden habe", flüsterte sie.

"So etwas Feines und Schönes ... "

Sie nahm Lilian an der Hand und zog sie zu einem Fliederbusch. Vorsichtig schob sie die Zweige beiselte. Tief dort drinnen konnten sie die Konturen eines Vogelnestes erkennen.

"Ist es nicht süss?" flüsterte sie. "Wenn ich so etwas sehe, dann glaube ich plötzlich an die Zukunft."

Torbjörn umarmte sie rasch.

"Es wird alles gut werden, davon bin ich überzeugt", sagte er.

Zum Abendessen machte sie ihnen Pizza. Sie konnte gut kochen.

"Das ist ja wohl das mindeste, was ich tun kann, um euch für eure Grosszügigkeit und Freundlichkeit zu danken", sagte sie. Sie besass eine sanfte und melodische Stimme, der man gern zuhörte.

Gemeinsam öffneten sie eine Flasche Wein, die sie eigentlich för den Samstagabend hatten aufheben wollen. Dann fanden sie ein Kartenspiel und verbrachten den Abend damit, Tribello zu spielen. Anna gewann die meisten Runden.

"Dafür habt ihr Glück in der Liebe", sagte sie. "Passt gut darauf auf."

Sie hatte sich Shorts und ein Oberteil von Lilian geliehen.

Die beiden waren gleich gross und hätten Schwestern sein können. Anna war blond und Lilian dunkelhaarig, doch solche Unterschiede gab es unter Geschwistern ja oft.

Im Verlauf des Abends hatte Anna ruhig gewirkt, doch als sie ins Bett gehen wollten, schien sie angespannt, ging unruhig umher und spähte durch die Gardinen.

" Hast du Angst, dass er kommt? " fragte Torbjörn.

Sie nickte.

"Mach dir keine Sorgen. Er wird niemals darauf kommen, dass du hier bist. "

"Ihr kennt Göran nicht", sagte sie leise. "Er gibt niemals etwas auf, das ihm gehört. "

Sie hatten das Richtige getan. Natürlich hatten sie das Richtige getan. Einer misshandelten Frau zu helfen, das war doch fast schon eine Pflicht. Doch Annas Gegenwart beunruhigte Lilian. Sie lag wach, und ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Natürlich tat sie ihr furchtbar leid. Diese ständige Angst, dass der Mann die Geduld verlieren, sich auf sie stürzen und ihr weh tun könnte. Sie hatte oft an die Menschen gedacht, denen es so erging. Und hatte sich darüber gefreut, dass Torbjörn und sie es so gut miteinander hatten. Sie hatten sich erst viermal gestritten, und es war jedesmal schnell vorüber gewesen. Eigentlich war es ihr Fehler gewesen. Manchmal bekam sie Migräne, und da war sie bisweilen streitsüchtig.

"Ich liebe dich trotzdem", pflegte Torbjörn zu sagen. " Mein kleiner Kopffüssler. "

Das war ein treffender Ausdruck. Und irgendwie so goldig. Wenn die Migräneanfälle kamen, dann fühlte sie sich wirklich wie ein einziger grosser, schmerzender Kopf. Alles kam ihr leichter vor, wenn er das sagte.

Sie legte sich auf die Seite und betrachtete ihren Mann. Er lag auf dem Rücken, den Mund halb geöffnet. Bei jedem Atemzug pustete und schnaufte es. Plötzlich zuckte er zusammen und öffnete die Augen.

"Was war das? " flüsterte er.

Sie hörte es auch. Es war ein jammernder Laut, der von der Treppe kam. Als sie die Tür öffneten, sahen sie Anna. Sie hockte zusammengekauert auf dem Fussboden, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen.

"Entschuldigt", schniefte sie. "Ich wollte euch nicht wekken, aber ich habe solche Angst."

Sie legten sich alle drei ins Doppelbett. Torbjörn auf seiner Seite, dann Lilian und rechts von ihr Anna. Steif und direkt an der Kante. Lilian strich ihr tröstend über die Wange.

"Hab keine Angst, Anna", flüsterte sie. "Schlaf jetzt. Wir schaffen das schon."

Es schien, als würde Anna sich entspannen. Nach einer Welle wurden ihre Atemzüge gleichmässiger, und sie rollte auf die Mitte der Matratze zu. Auch Torbjörn schien eingeschlafen zu sein. Lilian aber lag wach auf dem Rücken, zwischen den verschwitzten Körpern der beiden anderen. Die Stunden vergingen. Als die Morgendämmerung kam, war sie immer noch nicht eingeschlafen. Vorsichtig krabbelte sie aus dem Bett, ging hinaus und legte sich aufs Sofa. Dort fiel sie in einen schweren und traumlosen Schlaf.

Gott sei Dank waren sie im Haus als Göran kam. Anna entdeckte ihn zuerst. Sie stieg einen kurzen Schrei aus und wurde weiss im Gesicht. Kleine Schweisstropfen sammelten sich um ihre Nasenflügel.

"Ich wusste es", flüsterte sie. Er ist gekommen, um mich zu holen. Oh Gott, er wird mich umbringen. "

"Versteckt euch!" befahl Torbjörn. "Klettert auf den Dachboden und versteckt euch! Ich kümmere mich solange um ihn. "

Lilian bekam ein warmes Gefühl im Bauch. Sie war es nicht gewohnt, ihren Mann so stark zu sehen. Er beeindruckte sie, und sie spürte eine Welle von Liebe in sich aufsteigen.

"Ich liebe dich", flüsterte sie.

Dann nahm sie Anna bei der Hand, und sie kletterten zusammen die schmale und wacklige Stiege zum Dachboden hinauf. Der Speicher war nicht ausgebaut, und grosse Späne bedeckten den Boden. An der Vorderseite befand sich ein Fenster, zu dem sie vorsichtig krochen. Da unten konnten sie Göran sehen. Er sah genauso aus, wie Anna ihn beschrieben hatte. Kräftige Kieferpartie, Stoppelfrisur und starke tätowierte Arme. Torbjörn stand da und redete mit ihn, doch sie sahen beide nicht böse aus. Sie lachten sogar, und Torbjörn machte eine einladende Geste zum See hin.

"Du musst die Scheidung einreichen", flüsterte Lilian.

Anna antwortete nicht.

"So kann es doch nicht weitergehen! "

"Nein ... "

Sie blieben so lange auf dem Speicher, bis Torbjörn ihnen zurief, dass die Luft rein sei. Auf zitternden Beinen kletterten sie wieder hinunter. Torbjörn wartete in der Diele auf sie. Lilian umarmte ihn. Er zog auch Anna an sich und hielt sie beide im Arm.

"Was hat er gesagt? " fragte Lilian.

"Er hat gefragt, ob ich seine Frau gesehen hätte. Nein, dass habe ich nich, aber Hökensås ist ja gross, meinte ich."

"Was machte er für einen Eindruck auf dich?" murmelte Anna.

"Ziemlich ruhig. Aber er var sehr interessiert, als er den See da hinten entdeckte. Er fragte, ob da Fische drin seien."

"Nein! Dann wird er irgendwann zurückkommen! "

"Nicht doch. Ich habe gesagt, der See sei privat."

"Um so was kümmert er sich nicht."

"Nun, das sollte er aber tun. "

Zum Abendessen machten sie zwei Dosen mit Dillfleisch auf und kochten Kartoffeln dazu. Anna und Lilian sassen auf der Küchenbank. Sie knufften sich gegenseltig und kicherten wie Schulmädchen. Torbjörn legte seine Gabel hin.

" Ihr seid euch so ähnlich! " brach es aus ihm hervor. " In der Art und auch vom Aussehen her. Das ist wirklich seltsam. "

Als sie schlafen gingen, legte sich Anna aufs Sofa, aber es dauerte nicht lange, bis sie vorsichtig an der Tür zum Schlafzimmer klopfte. Sie hatte wieder Angst und meinte, Geräusche zu hören. Es gab keine andere Wahl, als sie ins Doppelbett krabbeln zu lassen.

Am nächsten Morgen erklärte Lilian, dass sie die Vorräte auffüllen müssten. Es gab nichts mehr zu essen ausser einem Paket Knäckebrot und einem alten Kanten Käse.

"Sollen wir nach Hjo fahren und einkaufen?" fragte sie. "Das scheint eine nette kleine Stadt zu sein. Seht mal hier in der Broschüre von der Touristinformation. Man könnte mittags am Hafen geräucherten Vätternsaibling essen. Was meint ihr, klingt das nicht gut? "

"In Hjo ist es wirklich nett", sagte Anna leise. "Wir sind ein paarmal dort gewesen, Göran und ich. Aber ich traue mich einfach nicht. Es kann sein, dass er auch da ist. Fahrt ihr doch. Ich schliesse mich hier im Haus ein, wenn ihr nichts dagegen habt. "

"Nie im Leben! " rief Torbjörn aus. "Wir werden dich doch nicht alleinlassen, das ist ja wohl klar."

"Das macht doch nichts. Schliesslich müsst ihr einkaufen. Ich verspreche, dass ich euch alles bezahlen werde, wenn das hier erst vorbei ist."

"Mach dir keine Gedanken", meinte Lilian. "Es wird sich schon alles ergeben. Ich fahre allein, und Torbjörn und du, ihr bleibt hier. Er wird dich verteidigen, darin ist er gut. "

Anna ergriff ihre Hand.

"Du bist so lieb, Lilian, richtig herzensgut bist du. Dürfte ich so frech sein und dich um einen kleinen Gefallen bitten?"

"Jaaa ... Wenn ich ... "

"Ich würde mir gern die Haare färben. Ungefähr so wie deine. Könntest du mir ein Haarfärbemittel kaufen? So eins, mit dem man sich die Haare selbst tönen kann? "

Hjo war voller Touristen. Es war schön, mal ein wenig rauszukommen, aber es wäre natürlich schöner gewesen, wenn sie nicht allein hätte fahren müssen. Sie schlenderte durch die kleinen Gassen, schaute in eine Kunstausstellung hinein und kaufte sich eine hellblaue Keramikvase.

Am Hafen roch es nach Teer und geräucherten Fisch. Sie kaufte einen grossen Saibling, den sie zum Abendessen machen würden. Dann ging sie in den staatlichen Alkoholladen, und im Supermarkt kaufte sie Essen und das Haarfärbemittel. Eine Weile stand sie da und betrachtete die Verpackungen. Kopferbraun oder Mahagoni? Was würde Anna wohl haben wollen? Am Ende wählte sie Kupferbraun und kaufte sich ganz spontan auch noch eine eigene Packung. Sie würde sich die Haare blond färben. Eine Veränderung würde ihr guttun.

Am Abend kochte Torbjörn. Es war nicht so viel Arbeit, er musste nur die Kartoffeln abbürsten und den Saibling putzen. Währenddessen färbten sich Lilian und Anna gegenseitig die Haare.

Das Ergebnis entsprach nich ganz ihren Vorstellungen. Sie hatten hinterher beide enine Haarfarbe, die weder braun noch blond war, sondern irgendwas dazwischen. Sie lachten so sehr, dass sie kaum noch Luft bekamen, als sie sich im Spiegel sahen. Glücklicherweise war es ein Mittel, das nach fünf oder sechs Haarwäschen wieder ausgewaschen sein würde.

Torbjörn sah sie gedankenverloren an.

"Also, wenn ich ehrlich sein soll", sagte er, "habt ihr mir besser gefallen, bevor ihr euch das Zeug über den Kopf geschüttet habt. "

Der nächste Tag war bedeckt. Lilian spürte ein paar Regentropfen, während sie zum Holzschuppen ging. Als sie wieder zurück ins Haus kam, sah sie, dass Anna in dem geliehenen Nachthemd am Fenster stand. Torbjörn kam von hinten zu ihr, legte die Arme um sie und drückte seine Nase gegen ihren Hals.

"Lilian", sagte er mit der Stimme, die sie so mochte.

Anna machte sich vorsichtig los und lachte ihr tiefes und gurrendes Lachen. Torbjörn hatte sich getäuscht. Das war verständlich. Lilian beschloss, sich nicht weiter darum zu kümmern.

Sie entschieden sich für einen Spaziergang im Wald. Anna sah zum Himmel hinauf. Sie trug Torbjörns dicken Pullover, den Lilian ihm gestrickt hatte. "Angelwetter", sagte sie leise. "Göran ist heute unterwegs und angelt. Bei dem Wetter beissen die Fische."

"Dann brauchen wir ja keine Angst zu haben", meinte Torbjörn.

Sie gingen den Weg am See entlang und dann zum Wald hinauf. Hier wuchsen Fichten und Kiefern und sogar die eine oder andere Espe. Bestimmt gibt es hier Pfifferlinge, dachte Lilian. Dafür müssten wir allerdings im Herbst zurückkommen. Warum eigentlich nicht? Vielleicht ist das Haus dann auch frei.

"Wartet ihr eben auf mich?" sagte Anna plötzlich, "Ich muss mal verschwinden. "

Sie blieben an einer der Kiefern stehen. Lillan fingerte an der rissigen Borke herum. Eine Amsel sang von einem Baumwipfel, ein klarer und zwitschernder Laut, der für sie schon immer mit dem Sommer verbunden war. Torbjörn sah sie freundlich an.

" Hast du Angst? " fragte er.

" Im Moment nicht. "

Da packte er sie am Arm und sagte: "Du musst zur Polizei gehen, Anna. So kann es nicht weltergehen."

" Anna? " echote sie.

Er sah bekümmert aus, antwortete aber nicht.

Eine Art verwirrter Wut erfüllte sie. Was hatte Torbjörn eigentlich vor? Heute morgen, als er Anna umarmte, war das vielleicht gar kein Irrtum gewesen? Hatte er nur zu gut gewusst, dass sie es gewesen war?

Anna kam zurück, ordnete ihre Kleider und fing an, zu hüpfen und zu laufen wie ein kleines Kind. Torbjörn sprang hinterher. Es sah lächerlich aus, er war zu gross und zu schlaksig für einen solchen Blödsinn. Lilian merkte, wie das Kopfweh hinter der Stirn erwachte. Ohne dass die anderen etwas merkten, kehrte sie um und begann zum Haus zurückzugehen.

Sie können ruhig mal nach mir suchen, durchfuhr es sie. Die können sich ruhig ein bisschen Sorgen machen. Der See lag so glatt und still da. Sie sah eine Bewegung wie von einem Fisch an der Wasseroberfläche. Ich setze mich ein wenig hin, dachte sie, sie können mir egal sein.

Im selben Augenblick legte sich eine grosse Hand über ihren Mund. Sie schrak zusammen und versuchte sich loszumachen, doch es ging nicht. Sie sass fest. Er war es. Göran. Er trug Gummistiefel, und neben ihm im Gras lag eine Wurfangel.

"Aha, du hast also gedacht, dass du dich von mir wegstehlen könntest", sagte er, und seine Stimme war dumpf vor Wut. "So leicht geht das aber nicht, das solltest du inzwischen wissen. "

Noch erhe sie reagieren konnte, hatte er sie hochgehoben und trug sie vom See und vom Haus weg. Und es half auch nichts, dass sie so laut schrie, wie sie nur konnte, dass sie nicht Anna war, sondern Lilian ...

 
 
 
 
 
 
 
 
 
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